Samstag, 30. Dezember 2017

30.12.2017 Ein ruhiger Tag

Als ich zuhause in Deutschland darüber nachgedacht habe was ich hier gerne machen möchte, ist mir sehr bald eingefallen, dass ich mir dringend den Mond und die Sterne hier ansehen muss. Beides ist hier (fast) am Äquator ja ganz anders. Den Mond habe ich in Kumbo gleich in der ersten Nacht begutachtet - tatsächlich: die Sichel liegt!

tatsächlich: die Sichel liegt

Abendstimmung auf SAC

Und der Sternenhimmel ist hier auf 2000 Meter atemberaubend, aber ich bin einfach zu müde. Ich pack’s nicht. Andere Sachen sind einfach wichtiger. Also irgendwie ist das schon komisch. Die existenziellen Sorgen lassen keinen Raum für solche Luxusthemen.

An diesem Morgen bin ich gegen 8 Uhr bei den Mädels und schaue mir einiger meiner Fotos an. Mir wird klar dass auch die Fotos die wesentlichen Dinge nicht erklären. Aber es wird klar dass man sich in dieses Land schon verlieben kann. Selbst in der staubigen Trockenzeit. Unsere morgendliche Besucherin Marie ist heute besonders leise und freundlich zu mir. Und so schlafen die beiden bis 10 Uhr. Nach dem Frühstück bügelt Eli und dann waschen wir unsere roten Kleider bis sie wieder ein paar andere Farben zeigen. Das sollte für mich jetzt bis zu meiner Abreise reichen. Der Wäscheständer ist schon die ganze Zeit total wackelig und da jetzt noch die Leine gerissen kommt das auf die Einkaufsliste. Ich habe mein Taschenmesser in einer Hose von mir wiedergefunden und hobele damit die beiden Türen von Eli so dass sie nicht mehr so krass krachen wenn man sie aufmacht. So nimmt der Tag seinen Lauf, ohne dass es irgendein Treffen oder Termin gibt. Auch ganz schön.

Um 14:30 Uhr fahren wir mit zwei Bikes und drei Rucksäcken auf den Markt nach Mbve um unsere lange Liste abzuarbeiten. Da am Montag wahrscheinlich Ghosttown ist müssen wir ein paar Vorräte anhäufen.

Erdnüsse in allen Arten

Wir waren bei der Schneiderin und die zwei Sachen abzuholen die sie für mich gemacht hat. Der Stoff und das Hemd sieht spitze aus, aber es ist zu klein. Wahrscheinlich hat sie die Maße nicht sauber abgenommen oder nichts für die Nähte zugegeben. Am 2. muss ich also nochmal hin.

Bei der Schneiderin in Mbve

Die Mädels haben heute durch einen Zufall das erste mal in Lamnso eingekauft. Eine Marktfrau hat sie lächelnd auf Lamnso angesprochen und gefragt was sie kaufen möchten. Sie hat das eigentlich nicht ernst gemeint, weil Weiße das eigentlich nicht können. Und die beiden haben sich kurz ausgetauscht und dann auf Lamnso eingekauft. Die Frauen hinter dem Stand fanden es so toll, dass die beiden das einigermaßen können. Das ist für die Menschen hier so eine große Wertschätzung wenn man ihre Heimatsprache verwendet. Ab und zu haben sie sich auf englisch rückversichert. Als wir bezahlt hatten haben die beiden sich abgeklatscht und das fanden die Frauen erst recht toll! Lamnso ist die Sprache des Nso-Volkes, dass sich ausschließlich auf Kumbo und seine umliegenden Dörfer erstreckt und durch den hiesigen Fon vertreten wird. Wirklich geschrieben wird Lamnso eigentlich nicht, aber hier in der Hütte hängt ein Lamnso Alphabet mit Bildchen für die einzelnen Buchstaben. Die Sprache hat ein deutsches Lautspektrum und wenn wir einen Lamnsotext vorlesen klingt das ziemlich gut. Lamnso hat nicht nur Laute sondern unterscheidet auch deren Betonung am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Wortes.

Die Mädels lieben es nach Stoffen zu suchen

Wo wurden die nochmal bedruckt?

Wieder zuhause geht es ans kochen und wir essen Reis mit einer afrikanischen Erdnusssoße nach einem Rezept von Flora. Verschiedene Sorten von Erdnüssen wachsen hier und sind sehr günstig. Man kann sie sich gleich am Stand mahlen lassen und wir haben bisher jedesmal Erdnüsse gekauft. Christina hat eine Sorte mit Öl und Salz angeröstet - köstlich. Die Soße selbst hat mir nicht so gut geschmeckt, ich hätte mir noch nachwürzen können.

Abends macht Eli dann noch Kartoffelchips in der Pfanne und ich habe ganz frische Avocados zu einer Guacamole gemacht. Wie gesagt: zum Abnahmen kommt man hier irgendwie nicht.

Der Tag so ganz ohne Kontur hat mir gut getan. Ich habe durch die trockene Luft und den Staub oft Nasenbluten aber ansonsten bin ich sehr entspannt was Ameisenbisse, Wespen und Moskitos angeht. Heute habe ich das erste mal über die nächste Woche nachgedacht und dass es schon wieder zu Ende geht mit meinem afrikanischen Familienbesuch. Aber es gibt noch viele Stunden und Momente zu erleben und zu genießen. Heute hat Eli mir auf dem Markt gesagt: Merk dir den Geruch die Geräusche und die Atmosphäre für Zeiten, in denen es dir nicht gut geht. Ich glaube sie hat recht. Ich bemühe mich. Morgen früh um halb sieben ist die Messe in Bamki-Kay.

Freitag, 29. Dezember 2017

29.12.2017 Karneval und Kontemplation

Ohne krasse Träume und noch erfrischt von der Dusche am Abend wache ich auf und mache mich um 7 Uhr auf den Weg zu Eucharia, der ich versprochen habe ihr Laptop zu reparieren. Vorher gehe ich noch bei Erasmus vorbei und hole mir die Tastatur wieder ab. Dabei erfahre ich, dass wir gestern bei unserer Wanderung Erasmus‘ Elternhaus gestreift haben und er ist ganz traurig, dass wir nicht bei seinen Eltern reingesehen (ich kenne kein gute Übersetzung für “to come and greet”) haben.

An der Tür des Agricultural Training Office

Eucharia ist leider erst um fünf vor halb neun aufgetaucht und es tat ihr wirklich leid das vergessen zu haben. Ich bin so was von entspannt, aber das wäre nicht so gewesen, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre. Daher tat sie mir wirklich leid (das ist der Moment wo man in Lamnso „ashia“ sagt ;). Wir haben dann nichts mehr gemacht und ich bin zurück den Berg hoch zum Pastoral Center, weil um neun Uhr der Gottesdienst und die Weihnachtsfeier beginnen sollte. Ich hatte mich um neun Uhr mit den Mädels dort verabredet, aber auch sie kamen nicht. Ich habe auf Nachfrage erfahren dass der Gottesdienst frühestens um 10 Uhr beginnt. Also bin ich zu ihnen gegangen und sie haben mir erzählt das Eucharia sie angerufen hat, der Gottesdienst beginnt erst um elf Uhr. So ist das wenn man in der heutigen Zeit offline ist.

Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Weißbrot, Margarine und Marmelade gehen wir zum Gottesdienst. Zu dieser Weihnachts- und Jahresabschlussfeier sind (außer dem Chor der Kathedrale) nur geweihte Menschen eingeladen. Da wir keine richtige Einladung bekommen haben (Bischof George hat uns nach dem Weihnachtsgottesdienst abgepasst und uns mündlich eingeladen) fühlen wir uns einigermaßen fehl am Platz, obwohl wir doch einige der Anwesenden kennen. Flora hat heute ab sechs Uhr den Gottesdienstraum im Pastoral Center geschmückt und das Fest vorbereitet, war aber zum feiern nicht da. Ich glaube sie macht das "professionell". Es sind etwa 50 Priester und mindestens genauso viele Ordensschwestern da. Bischof George zelebriert und Predigt.

Das Evangelium erzählt vom alten Simeon, der sein leben lang auf den Retter gewartet hat und ihn dann in einem kleinen Kind erkennt. Bischof George spricht über die anglophone Krise und darüber, dass wir eine Dämmerung erahnen können, wie Simeon das Kind, das Tageslicht ist noch verborgen. Er ermahnt alle dringend, nicht eine politischen Position oder Partei zu unterstützen sondern konsequent auf dem Pfad der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung zu bleiben. Heute morgen habe ich im Caritas Office eine coole Karikatur gefunden, die schön zum Ausdruck bringt, wie sich die Menschen in der NW-Region fühlen müssen


Der Chor singt auch nach dem Gottesdienst, denn es folgt eine Feierstunde mit Aufführungen, die uns doch sehr an den deutschen Karneval erinnern. Die Daughters of the devined Zeal (die mit dem Steinofen im Hof) moderieren den Nachmittag. Die Kindergruppe der „Little Lambs of Marie“ bringt eine herzerweichende Weihnachtsperformance mit extremem Unterhaltungswert. Für alle, die den Messiah schon mal auf Englisch gesungen haben:



Und für die krasse Musikalität der kleinen Leute



Am Ende tanzt der Bischof bei der Zugabe mit. Der Chor singt zwei Kirchen Songs zu einer bayrischen Marschmusik. 



Ich konnte nicht anders und habe es mit dem handy gefilmt. Der Chor hat das eine oder andere Problem mit der Intonation, aber sie singen so kräftig und mit Spaß dass einem das Herz aufgeht. Selbst beim auf-die-Bühne-gehen wird die Zeit ausgenutzt



Ich wünsche meinem Bruder Christof auf jeden Fall einmal dieses Erlebnis, denn sie haben beim von der Bühne gehen Ziahama gesungen, was ich auch vom Bauschheimer Gospelchor kenne.

Der Kathedrals Choir

Danach gibt es Essen für alle. Das volle Programm der traditionellen Gerichte in Kumbo und auf den Tischen stehen Wein und Bier im Überfluss. Ab und zu ist auch eine Limo zu sehen. Wir treffen den Pfarrer der neuen Revers-Freiwilligen und wir geben ihm die zwei Päckchen für die beiden mit. Ich habe ihm angeboten mich gerne mit Ihnen zu treffen - hier oder natürlich später in Wicker. Ich spreche noch kurz mit Father Oliver und Father Marcel, lange mit einem Father der gebürtig aus Indien kommt. Wir haben über die verschiedenen Religionen und Kulturen in Indien, Europa und Kamerun philosophiert und viel gelacht.

Nach dem Fest nehmen uns die „Sisters of Marie Morningstar“ mit nach Romajay. Dort waren die beiden während der Krisentage Anfang Oktober und sie kennen sich alle sehr gut. Ich hatte für Sr Mirijam Dominique ja zwei Päckchen mitgebracht und da hatten sie uns für heute eingeladen.

Wir fahren zu siebt in ihrem normalen Auto zu ihren Konvent, was wunderschön auf dem Nachbarhügel liegt. Vier sitzen hinten, Eli und ich vorne und Sr Theresia Imatakulata fährt. Festhalten. Da ging es wirklich ab. Wir halten noch kurz auf einer Kreuzung an um noch Umschläge zu kaufen, denn die Schwestern möchten mir noch Briefe für die deutsche Post mitgeben. Alle raus, und wieder rein. Aber genau so habe ich mir nach den Erzählungen die Basketballspielenden Sisters vorgestellt.

Im Konvent gibt es noch etwa vier Novizinnen, die zwar im Gottesdienst waren aber nicht zum Essen eingeladen waren. Eli und Christina übereichen jeder von ihnen ein Tütchen Plätzchen und ein selbstgestaltetes Taize Liederbuch mit Gebeten von Frère Roger. Auf dem Cover sieht man eine Basketball spielende Schwester. Sie freuen sich sehr und führen uns alle gemeinsam durch ihre Räume, genießen den spektakulären Blick auf Kumbo, schauen die Feuerküche,  die Tiere, die Werkstätten für Kerzen, Medizin und Seifen an. Der kleine Kater folgt uns auf Schritt und Tritt und soll es irgendwann mal mit den Ratten aufnehmen. Sie haben keinen Anschluss an die Wasserleitung und natürlich schon gar kein warmes Wasser. Daher steht in der Feuerküche immer ein großer Topf Wasser auf dem Feuer. Das Holz dafür lagert in einem Schuppen daneben, sie müssen es kaufen. Sie sind so lustig, originell und herzerwärmend.

Wir setzen uns in den Gemeinschaftsraum und sie stellen uns viele Fragen zu Deutschland und der Kirche dort, den Sorgen und Herausforderungen, zu Ansichten und Aussichten. Wir reden bis es draußen Stock dunkel ist und wir singen noch „Maria durch ein Dornwald ging“ und „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ mit der mitgebrachten Gitarre und übersetzen den Text. Wir gehen dann in die Kapelle zur Anbetungsandacht. Das ist ganz ähnlich wie in Taize nur viel lustiger. Die Schwestern kommen aus ganz vielen verschiedenen Ländern und sprechen verschiedene Sprachen. So ist das Gebet auch in mindestens fünf Sprachen gehalten. Wir bringen unsere Kerzen nach vorne zur Krippe es gibt Bibeltexte und ganz viele Lieder. Wir singen Weihnachtslieder aus allen Ländern. Bei einem afrikanischen werden jeweils die Namen der Anwesenden aufgerufen. Die/derjenige steht auf und tanzt für das Jesuskind, es war so anrührend und lustig, wir haben natürlich mitgemacht. Es folgt die Anbetung, die mich von der Stimmung her sehr an die Stille in Taize erinnert. Schließlich bekommen wir noch ein europäisches Abendessen gemacht und dann fährt und Sr Miriam Dominique um 21 Uhr bis nach Hause vor die Tür.

Was ein Tag voller Feiern und Gesprächen, Begegnungen. Bishop Geaorge hat wirklich gut und engagiert gepredigt, auch wenn es für die pastoralen Mitarbeiter mit ihren Beziehungen zu den Menschen vor Ort eine Herausforderung sein wird politisch neutral zu bleiben. An der Musik und der Stimmung beim Gottesdienst von  Flora und Didimos in Melim kommt nach meinem Geschmack keiner der anderen vorbei. Aber auch die Schwestern von Romajay habe eine wirklich wunderschöne Lebensweise und Liturgie. Obwohl sie ein betender Orden sind, sind sie doch auch so gastfreundlich und weltoffen. Ich bin dankbar.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

28.12.2017 Natur pur

Heute morgen gab es kein Wasser um mich zu waschen. Dafür gab es am Abend keinen Strom, aber Internet, so dass wir tatsächlich mal wieder mit Wicker telefonieren konnten.

Die Wespen sehen hier etwas anders aus

Ich war um 7:15 Uhr in der Hütte der beiden, wir haben ein paar Kleinigkeiten zum Frühstück zu uns genommen - die Pizza von gestern war bei mir noch am arbeiten. Eli bringt noch die gewaschene Wäsche zu den Nachbarn und dann geht es mit einen Bike nach Shisong zu Greencare.

Der Dienstort von Ben und Till und unser Gastgeber für diesen Tag

Gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Deutschland und deren Familien machen wir heute eine Tageswanderung. Die Mädels haben das schon einmal am Ende der Regenzeit gemacht und waren so begeistert, dass wir das noch einmal mit dem Besuch der anderen machen. Die anderen sind Ben und seine Eltern Bettina und Terry Martin, Till mit seiner Schwester Stella, Eileen sowie Danger und Gil von Greencare.

Einweisung im Greencare Office

Greencare ist eine gemeinnützige Organisation, die im wesentlichen der Landentwicklung dient, Bäume pflanzt und Menschen dabei unterstützt, ihre Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten. Till und Ben arbeiten als Freiwillige dort und daher gibt es für die sehr kompetente Führung durch Danger keinen vereinbarten Preis.

Die von Greencare betriebene Schule


Wir wandern von 9 Uhr ab etwa zweieinhalb Stunden, unterbrochen von Erklärungen und Demonstrationen, die mindestens genauso viel Zeit und Raum einnehmen. Danger erklärt uns zum Beispiel viele Heilpflanzen für viele Anlässe: gegen Durst oder Hunger, wenn man einen vorgewölbten Nabel hat oder offene Füße, gegen Mückenstiche (wenn kein Ohrenschmalz da ist!).

Die Reihen verhindern Erosion in der Regenzeit

Die Stechpalmen sind eine natürliche Feuerbarriere

Danger bereitet ein Nabel-Medikament

Kamerunische Schafe

Aromatest

Wir kosten Guaven, Zitronen, Orangen, süßen Palmwein von Dangers Onkel, sehen wie Yam und Kaffee angebaut wird und bei zwei kleinen Farms schauen wir zu wie der Kaffee verarbeitet wird.

Eine Arabica Pflanze
Frisch geerntete Kaffeekirschen

Die Maschine ist noch aus deutscher Zeit

In Kamerun wird kein Kaffee geröstet und getrunken. Wenn überhaupt dann Instantkaffee, welcher aber auch andere Stoffe und Zucker enthält, der dann den Leuten gesundheitliche Probleme machen und die Ärzte dann vom Verzehr abraten ;). Die Kaffeebauern verkaufen die getrockneten Bohnen dann auf dem Markt in Kumbo.

Trocknende Kaffeebohnen

Wieder ist es erstaunlich wie sehr sich die Bauern freuen uns zu sehen, uns herein bitten und ihre Früchte zum kosten anbieten. Ein Hof ganz nahe an unserem Ziel hat ziemlich viele Schweine und sie sind gut bekannt mit Danger. Wir trinken das Wasser aus dem Hahn dort, und Eli ist sich nicht sicher ob das ein Fehler ist. Aber wir beide haben nur 1,5 Liter dabei und wir sind schon fast leer und haben noch den Rückweg vor uns. Wir bleiben etwa eine halbe Stunde bei ihnen und erzählen - u.a. einer Sister von Saint Francis, die einen Aussiedlerhof vor Shisong betreiben und Milch produzieren (!). Die Sister bittet uns auf jeden Fall bei ihren Eltern reinzuschauen wenn wir weiter gehen.

Ein Weihnachtsstern grüßt am Wegesrand

Eine Guave frisch vom Baum

Die Blätter der Yam-Pflanze als Regenschutz

Der Aussiedlerhof mit viel Schwein

Keine 10 Minuten weiter stehen wir im Hof eines sympathischen alten Ehepaars,. Der Mann steht als Compound Head seinem Clan bzw. seiner großen Familie vor und ist außerdem für die umliegenden Ländereien verantwortlich. Sie reichen uns frische Organen und ein Buch, in das wir uns als Gäste Einschreiben sollen. Sie bedanken sich mehrfach dafür, dass wir ihre Gäste waren und ihre Orangen angenommen haben.

Orangen sind hier gelb

Aber sehr aromatisch

Wir kommen gegen 13 Uhr am Wasserfall an, den zu beschreiben meine Ausdrucksfähigkeit leider überschreitet. Wer wie ich früher gerne Tim und Struppi gelesen oder Indiana Jones Filme geschaut hat, der kann diese traumhaft schöne Atmosphäre eines 20 Meter hohen Wasserfalls in einem Regenwald erahnen. Hinter dem Wasserfall ist eine große Höhle, die auch sehr großen Fledermäusen (oder Flughunden?) ein Zuhause ist. Schaut euch einfach mal die Fotos an, die ich gemacht habe.





Nach einer knappen Stunde kommen wir dann in ein kleines Dorf in dem gerade ein Dorffest im Gange ist. Dort gibt es eine Taxistation und wir fahren mit einem Geländepickup ca. 15 Minuten auf einen Berg und werden von einer absolut überwältigenden Aussicht auf Täler, Felsen und Berge überrascht. Die Formen erinnerten mit an Rotchina. Eli sagt es sieht hier aus wie im Auenland und das trifft es sehr gut.



Hier oben ist Grasland und Pferde grasen freilaufend auf den Hängen. Palmen, Eukalyptus und riesige Stechpalmen von 4 Meter Höhe wachsen hier. Hier könnte ich den ganzen Tag einfach nur sitzen und gucken. Aber wir müssen uns auf den Heimweg machen.





Die Rucksäcke kommen auf die Rückbank und wir stellen uns alle auf die Ladefläche des klapprigen hochgebockten Pickups, der sich über die total zerfurchten Sandpisten arbeitet. Wir haben einen riesigen Spaß und die Leute am Straßenrand lachen, schütteln den Kopf und winken uns. Wir erwachsenen geben Danger für Greencare und seine hochinteressante Einführung heute 10000 Francs und nach einigen Missverständnissen und Verhandlungen fahren wir über Shisong nach Squares, wo Bens Familie Pizza essen geht und wir noch die Rucksäcke auf dem Markt mit Lebensmitteln voll machen und dann in unserer Lieblingsstraßenküche etwas zu Abend essen.


Wir treffen zufällig dort Ludowig, ein Freund von Berry und den beiden, und Flora und Didimos und sprechen über eine Anfrage des Kirchenvorstand von Melim an uns. Nachdem wir dort im Gottesdienst waren und dann auf der Feier der beiden mit Leuten gesprochen haben wollten sie gerne mal bei uns in SAC vorbeischauen. Die Mädels hat das einigermaßen überrascht und ein unangenehmes Gefühl hinterlassen. Irgendwie scheint es als wollten sie über uns einen Kontakt zu einer Limburger Pfarrei o.ä. aufnehmen oder ein Fundraising für ihre Kirche starten. Das ist aber nicht die Idee des Freiwilligendienstes und Flora versteht das auch. Ich nehme die Idee mit nach Hause vielleicht einen Kontakt eines Chores o.ä. zu deren Chor und Musikgruppe aufzubauen oder zu unterstützen.

Die Eltern von Ben sind total nett und der Kontakt zu ihnen hat Spaß gemacht. Bettina ist in Berlin Leiterin der Landesvertretung von McPom für Manuela Schwesig und Terry ist ein Journalist für eine amerikanischen Sender oder so. Sie werden dasselbe Flugzeug nach Hause nehmen wie ich, daher werden wir uns wenigstens dann Wiedersehen.

Ein Tag voller Ehrfurcht vor der Natur Kameruns und dem tradierten Wissen der Menschen hier geht zu Ende. Die Wiege der Menschheit. Hier geht man nicht gerade zimperlich mit der Natur um, aber mit Organisationen wie Greencare gibt es Leute, die idealistisch und pädagogisch in die Bevölkerung einwirken. Ich freue mich auf die Dusche und meinen Schlafsack, um dem Kopfkino mit den Bildern heute noch eine Chance zu geben.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

27.12.2017 Heimatgefühle

In dieser Nacht hatte ich wieder beängstigende Träume mit mittelalterlichen Szenen von Krankheiten, Not und Verderben wie in David Kehlmanns Buch„Vermessung der Welt“, in dem Gauß an seinen körperlichen Gebrechen (Zahnschmerzen, Infektionen oder Entzündung) leidet in der festen Überzeugung, dass es in einigen 100 Jahren kein Problem mehr sein wird, das zu verhindern oder zu heilen. Wie recht er hatte. Und doch offensichtlich bis heute nicht für alle. Dieses Buch ist wirklich eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Der Film dazu kann ihm nicht annähernd das Wasser reichen, aber wer das Buch nicht lesen möchte: er ist besser als nichts.

Wenn ich aber nach dem Aufstehen durch diesen klaren und duftigen Sommermorgen laufe, diese exotischen Vögel singen und die Sonne hinter den riesigen Bäumen des Nachbarhügels aufgeht, dann ist das alles wie weggeblasen. Ein bisschen ist diese betörend schöne Natur hier wie eine Droge, die einen alles vergessen lässt und man kann sich fast nicht mehr daran erinnern, das da irgendwas war.

Betörender Sonnenaufgang am Nachbarhügel

Ich schreibe bei den Mädels ein paar Gedanken auf und hoffe, dass wir die Probleme mit dem Internet irgendwie in den Griff bekommen um einen Blog einzurichten. Eli und ich frühstücken einen heißen Kakao und Bananen und machen uns auf den Weg zum Social Wellfare Office zu Madam Eucharia um die von ihr gewünschten Dinge abzugeben, die ich für sie mitgebracht habe. Dabei kommen wir ins Gespräch über Computerprobleme und auch sie hat ein Laptop, was eine defekte Tastatur hat. Ich schließe ein nochmals USB Computerkeyboard an und es funktioniert. Eucharia ist total begeistert, weil sie das Laptop schon für Wochen in Reparatur hatte und es nicht gelungen war es zu reparieren. Darauf hin verabreden wir uns für den 29. 7:30 um weitere Probleme anzuschauen, bevor wir zu Bischof George gehen. Für ganz normale Fragen und Problemen im Bereich PC gibt es hier niemanden, den sie ansprechen können. Schau mer mal wie das weitergeht, mir macht es Spaß hier ein bisschen auszuhelfen. Ich leihe mir die Tastatur bis dahin aus um Erasmus Laptopproblem damit zu prüfen, was auch gelungen ist.

Ganz normale Fraktale

Danach sind wir gleich zu Christina zurück gegangen, denn die beiden haben sich vorgenommen, für und mit Maries und Buris Wäsche zu waschen, denn sie riechen schon ziemlich und Erasmus kümmert sich darum definitiv nicht. Ich backe derweil einen Kuchen für das geplante Picknick mit den anderen Freiwilligen hier bei uns vor dem Pastoral Center.

Marie wäscht wie eine alte

Das mit der Wäsche artet etwas aus, weil quasi die komplette Garderobe der beiden durch die Eimer geht und auch der Wäscheständer der Nachbarn schließlich voll hängt. Weil Eli und ich noch nichts richtiges gefrühstückt haben koche ich noch Reis mit Tomatenomletts, die auf dem Tisch stehen, als Ben mit seinen Eltern Bettina und Terry, Till mit seiner Schwester Stella, Therese und Paul sowie zwei weitere Mädels mit Namen Petra und Letitia aus Kumbo bei uns in der Bude sitzen.

Liebe Gäste fürs Picknick

Wir gehen dann auf die Wiese vor dem Pastoral Center, spielen Frisbee und Gitarre, essen Kuchen, Guacamole, Melonen und wehren uns gegen Ameisen und Scharen von Grashüpfern. Das war wirklich sehr entspannend.

Lecker Guacamole mit Brot

Therese lernt Gitarre

Gegen halb fünf hatte sich die Gruppe aufgelöst und wir laufen mit Therese nach Squares zu Edwin in die Pizzeria. Dort treffen wir uns mit weiteren Freiwilligen mit Namen Chantal, Eileen, Luise mit Freund André (der heute Geburtstag hat). Wir bestellen unsere Sachen an der Theke und warten wie normal etwa zwei Stunden auf die Pizza. Sie sind aber sehr lecker und die Zeit mit spannenden Geschichten und Erzählungen zu füllen ist kein Problem. Es werden überaus sinnvolle Tipps und Erfahrungen miteinander geteilt, die auch für die beiden sehr relevant sind, wenn es zum Beispiel um die Verlängerung der Visa geht.

Pizza bei Edwin

Hier gibt es mehr wie Pizza

Erst um 9 Uhr fahren wir mit einem Bike durch die Dunkelheit von Junction nach SAC für einen Nachtpreis von 1500 Francs und ziehen uns in unsere Hütte zurück.

Squares und Kathedrale bei Nacht

Dieser Tag ist geprägt vom Austausch mit anderen Deutschen, die teilweise ganz andere Dienste tun aber die doch hier in Kumbo eine Familie bilden, einen Link, Bezugspunkt und Anker in die eigene Kultur bieten. Es war wirklich nett heute.

Dienstag, 26. Dezember 2017

26.12.2017 Kleine und große Sorgen

Wenn ich morgens um 6 Uhr wach bin, und dazu noch in Kamerun, dann stehe ich auf und gehe raus „in die Wildnis“ (würde Jostein Gaarder sagen) um Energie zu tanken und mir den Sonnenaufgang anzusehen. Also habe ich meinen Foto geschnappt und die Morgenstunde genutzt.

Sonnenaufgang am Pastoral Center

Der ganz normale Wald

Dann habe ich auf dem Weg zu den Mädels Erasmus getroffen der mir (nicht frohe Weihnachten gewünscht aber) noch einmal gesagt hat, wie wichtig es für ihn ist, wenn ich ihm ein funktionierendes Notebook besorgen könnte. Seine Frau Edith ist ja gerade im Krankenhaus um ihr Kind zur Welt zu bringen. Als ich wenig später in der Hütte sitze klopfen seine Kinder Marie und Buri an der Tür. Die beiden Geschwister sind ja sehr oft hier, Eli und Christina kümmern sich um sie und setzen klare Regeln. Ich habe dann die Tür aufgemacht und ihnen gesagt, dass die Mädels noch schlafen (wollen) und wir dann erst frühstücken und sie dann gerne kommen können, wenn wir die Tür aufmachen. Aber... was trinken, dürfen wir ein Plätzchen haben? Buri muss Pi und kriegt die Hose nicht auf, Marie putz unsere Veranda und Buri macht Kohle drauf, ein Raubvogel hat ein kleines Huhn gerissen und Mama-Pfau konnte es nicht verhindern. Im Pidgen Englisch heißen Hühner Pfau und die laufen hier wie die Ziegen überall frei rum, da hatte der Vogel wohl Hunger. Aber die Kinder vermissen ihre Mama wirklich. Ich habe dann also den „Fehler“ gemacht, ihre ständigen Klopfzeichen geschmückt mit Weinanfällen zu „bearbeiten“, damit die Mädels noch halbwegs schlafen können. So sind sie aber über zwei Stunden vor der Tür und klettern auf den maroden Holzwäscheständern rum, von denen sie wissen, dass sie das nicht aushalten werden. Seufz.

Die Kinder haben wirklich nicht viel zu lachen. Sie werden hier oben oft sich selbst oder den Nachbarn überlassen, und das nicht aus Faulheit sondern weil es nicht anders geht. Einschub aus den Sicherheitshinweisen: „Bitte legen zunächst Sie sich die Atemmaske an und helfen erst dann ihrem Kind“. Ohne Eltern ist alles nichts. Die werden short on information gehalten, ich glaube nicht dass Marie weiß was ihre Mutter im Krankenhaus macht, dass da ein Geschwister im Bauch ist und wann/ob sie wiederkommen wird. Auch die Jugendlichen wissen nicht, wie die Kinder in den Bauch kommen, wenn sie nicht in der Schule den Aufklärungsunterricht besuchen können. Das erklärt die vielen extrem jungen Mütter, da die Jugendlichen wegen der nicht stattfindenden Schule sehr viel Zeit miteinander bringen, die frustrierende Realität wegdrücken und ohne an morgen zu denken den Moment feiern.

Marie, Buri und Norbert zu Besuch

Die Kleidung von Marie und Buri ist eine echte Katastrophe, viel zu klein, keine Unterwäsche, obwohl die den ganzen Tag auf dem Boden spielen, wo die Tiere hinmachen und sie selbst auch. Es gehört hier dazu, dass die Kinder geschlagen werden, und das nicht nur von ihren Eltern. Die Großen müssen sich um die Kleinen kümmern, viel im Haushalt helfen und teilweise schwer arbeiten. Dann haben wir Jugendliche hier sitzen, die keine Ahnung haben was sie wirklich wollen, was sie können, welche eigenen Visionen und Ziele sie im leben haben. Die Eltern können es sich nicht leisten ihre Kinder studieren zu schicken - und das nicht nur finanziell sondern auch weil sie dann zu Hause als Arbeitskraft ausfallen. Und wenn sie doch studiert haben, dann finden sie keine Arbeit hier. Eli erzählt, dass viele Bikefahrer studiert haben. Obwohl es an allen enden fehlt ist es nach meinen Nachfragen fast unmöglich ein eigenes Business zu gründen. Denn die Mikrokredite werden von den Steuern aufgefressen und auch die Kunden haben kein Geld um eine Rechnung zu bezahlen.

Was ist hier ein Kinderleben wert? Die Mädels erzählen, dass die ärztliche Versorgung für Kinder unter 20 kostenfrei ist. Aber viele Leute wissen oder glauben das hier nicht. Und wenn doch dann haben sie kein Geld und keine Zeit den Weg zum nächsten Krankenhaus zu bewältigen. Vor Weihnachten gehen hier deutlich weniger Menschen zum Arzt, weil sie das Geld für ein paar kleine Geschenke und die Gäste brauchen. Deswegen hat Christina wir Weihnachten ihre Zeit im Krankenhaus von Shisong vorzeitig beendet, weil einfach überhaupt nicht für sie dort zu tun war. Eine Krankenversicherung gibt es hier nicht.

Es ist wirklich tragisch für eine Familie wenn hier ein Kind stirbt. Aber es passiert wohl relativ häufig und das oft nicht aufgrund tragischer Erkrankungen. Was ist bei uns ein Kinderleben wert? Ich denke wieder an die Film „Verborgene Schönheit“, wo in Mensch völlig daran zerbricht sein Kind verloren zu haben. Daran, dass ich gerade meine Tochter hier besuche, dass wir unseren Kindern Musikunterricht ermöglichen können und sie im Urlaub Snowboard fahren können.

Wir brechen gegen halb zwei auf nach Squares um die Familie von Therese frohe Weihnachten zu wünschen. Da die beiden nicht wissen wo genau das Haus ist fragen wir in der Straße ein paar Leute, wo das Haus von Elisabeth und Thomas - den Eltern von Therese - ist. Das wissen sie nicht. Die Mädels waren schon mal zur Erstkommunion von Percy dort, also fragen wir nach ihm. „Ah ja, ich bringe euch gerade dort hin“.

In Sichtweite des Hauses kommt uns Percy entgegen gelaufen und umarmt auch mich ganz herzlich. Ich stelle mich als Eric vor und wir gehen zusammen zum Haus. Er zeigt mit sein aus Müll selbstgebasteltes Auto. Wow. Die Räder sind aus alten Flipflops geschnitten und haben ein krasses Profil. Die Karosserie ist eine Fischdose und es hat eine echt geniale Lenkvorrichtung, die er von oben bedienen kann. Er saust damit im Laufschritt über die Lehmwege. Ich bin total begeistert von seinem Talent.

Lenkbares Auto von Percy aus Müll

Therese empfängt uns und wir gehen ins Haus. Sie hatte gerade Wäsche gewaschen. Wir sitzen zusammen und essen ein paar von ihren selbst gemachten Chinchin-Plätzchen - die mit dem richtigen Geräusch beim Essen ;)

Thereses Chinchin

Als ihre Mutter Elisabeth kommt holt sie uns drei Teller und wir sitzen in der guten Stube. Vor dem Essen stehen wir auf und stellen uns in einen Kreis. Mama Elisabeth spricht ein Tischgebet auf Englisch und dankt für ihre Familie und die Mahlgemeinschaft die uns mit Jesus verbindet. Dann kommt Therese mit einer Schüsse und einer Kanne Wasser und wäscht uns die Hände, denn wir essen wie sich das hier gehört mit den Fingern. Es gibt natürlich das Standardgericht: gelbes Fufu (aus Mais hergestellte Knödel) mit pumkin leaves (ähnlich wie Spinat zubereitete Kürbisblätter). Das schmeckt wirklich sehr gut! Und nach einer Portion bin ich total satt - im Gegensatz zu Mama Elisabeth, die gleich noch eine gegessen hat. Beeindruckend wie sehr Glaube im Leben in dieser Familie Gestalt annimmt. Mama Elisabeth ist eine charismatische Frau, die sich auch für andere und in der Gemeinde engagiert.

In der Sonne trocknendes Rindfleisch

Therese hat noch vier Geschwister, ihr Mann ist ja Lehrer in Vollzeitanstellung in der katholischen Schule einen Steinwurf entfernt von der Hütte der Mädels - dem SAC. Er verdient 56000 Franc im Monat - ihr könnt euch gerne mal ausrechnen wieviel das in Euro ist - aber es ist auch in Kamerun viel zu wenig um auch nur das nötigste zu bezahlen. Eli und Christina bekommen jeweils mit ihrem Taschengeld hier ein Vielfaches davon. Also verdient sich auch diese Familie was dazu wo immer es geht. Mama Elisabeth taucht irgendwann mit einem großen Sack voller Schuhe auf, die sie anderen Gästen zum Kauf anbietet. Vielleicht passt ja was. Gemeinsam mit Therese schauen wir uns noch einen Stapel alter und neuer Fotos an und erzählen über Hochzeiten und die Womensgroup ihrer Mutter, bevor wir uns um viertel vor Sonnenuntergang wieder zu Fuß auf den Heimweg machen.

Staubroter Sonnenuntergang über Kumbo

Wir sind hier in dieser Familie als Freunde empfangen worden, nicht als Weiße, und haben wie Freunde miteinander erzählt. Eli erzählt mir dass Therese eine wirkliche Freundin geworden ist. Und ich finde sie ist sehr intelligent und wissbegierig, authentisch (auch uns gegenüber). Aber was würde sie erwarten, erleben, wenn sie für eine Zeit nach Deutschland käme? Wie schwer muss es für kamerunische Freiwillige sein, ihre Familie zu vermissen, in einer Welt ohne ihre Sozialkontakte mit Waschmaschine, U-Bahn und Rolltreppen anzukommen? Vor allem bei der Vorbereitung, die sie hier bekommen - die Menschen hier haben eigentlich nur eine Betriebserlaubnis für Kumbo mitbekommen und keine Ahnung wie es in Deutschland ist. Filme transportieren eine Weltsicht, die sie nicht glauben können. Ähnlich wie ich das damals mit unseren Freunden aus dem Osten Deutschlands erlebt habe: Obwohl sie es im Fernsehen gesehen haben, war es ein riesiger Schock es wirklich zu erleben. Und wie schwer muss es erst sein, nach einem Jahr Deutschland wieder hierher zurück zu kehren in diese trostlosen Umstände ohne Perspektive.

Mit Christina und Eli haben wir uns schon unterwegs und dann noch den ganzen Abend die Köpfe heiß diskutiert über die Art ihres Dienstes, über die Verhältnisse in Deutschland, über die Möglichkeiten und den Auftrag, hier etwas zu lernen, erfahren, zu bewirken. Die beiden sind sehr tief eingedrungen in das System, weil sie viele wirklich intensive persönliche Beziehungen zu Familien und Menschen haben, deren Möglichkeiten und Nöte hautnah erleben. Und den krassen Kontrast zu ihren eigenen Möglichkeiten als Deutsche. Wir sind hier deutlich herausgehoben, wir fallen auf, die Leute hören genau zu was wir sagen, messen dem Bedeutung zu. Das ist eine Realität, es hat keinen Sinn das abzutun als postkoloniale Verwirrung. Was machen wir konkret aus dieser Position? Und das meine ich überhaupt nicht finanziell. Wenn, wie heute, 10 total glückliche Kinder auf uns zu rennen, „Whiteman“ und „Happy Christmas“ rufen und uns abklatschen, dann möchte ich mich zu ihnen auf den Boden setzen und ihnen erklären, dass ich auch nur ein ganz normaler Typ wie sie bin, dass ich als Kind nur Mist im Kopf hatte, dass ich schlechte Noten geschrieben habe und dass sie sich ihre Träume bewahren sollen. Aber darf ich das? Was bringe ich da bei ihnen durcheinander, in Bewegung? Ist das hilfreich?

Es ist so schwer aus diesen so wunderbaren Erlebnissen und den so schwierigen, fast dramatischen Verhältnissen eine Vision für dieses Land zu entwickeln. Wir sind voller guter Wünsche für diese lieben Menschen. Dieser Tag hat mich wieder ein bisschen zu einem anderen Mensch gemacht. Ich hoffe dass ich das so schnell nicht vergesse, was ich heute geschenkt bekommen habe.