Donnerstag, 28. Dezember 2017

28.12.2017 Natur pur

Heute morgen gab es kein Wasser um mich zu waschen. Dafür gab es am Abend keinen Strom, aber Internet, so dass wir tatsächlich mal wieder mit Wicker telefonieren konnten.

Die Wespen sehen hier etwas anders aus

Ich war um 7:15 Uhr in der Hütte der beiden, wir haben ein paar Kleinigkeiten zum Frühstück zu uns genommen - die Pizza von gestern war bei mir noch am arbeiten. Eli bringt noch die gewaschene Wäsche zu den Nachbarn und dann geht es mit einen Bike nach Shisong zu Greencare.

Der Dienstort von Ben und Till und unser Gastgeber für diesen Tag

Gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Deutschland und deren Familien machen wir heute eine Tageswanderung. Die Mädels haben das schon einmal am Ende der Regenzeit gemacht und waren so begeistert, dass wir das noch einmal mit dem Besuch der anderen machen. Die anderen sind Ben und seine Eltern Bettina und Terry Martin, Till mit seiner Schwester Stella, Eileen sowie Danger und Gil von Greencare.

Einweisung im Greencare Office

Greencare ist eine gemeinnützige Organisation, die im wesentlichen der Landentwicklung dient, Bäume pflanzt und Menschen dabei unterstützt, ihre Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten. Till und Ben arbeiten als Freiwillige dort und daher gibt es für die sehr kompetente Führung durch Danger keinen vereinbarten Preis.

Die von Greencare betriebene Schule


Wir wandern von 9 Uhr ab etwa zweieinhalb Stunden, unterbrochen von Erklärungen und Demonstrationen, die mindestens genauso viel Zeit und Raum einnehmen. Danger erklärt uns zum Beispiel viele Heilpflanzen für viele Anlässe: gegen Durst oder Hunger, wenn man einen vorgewölbten Nabel hat oder offene Füße, gegen Mückenstiche (wenn kein Ohrenschmalz da ist!).

Die Reihen verhindern Erosion in der Regenzeit

Die Stechpalmen sind eine natürliche Feuerbarriere

Danger bereitet ein Nabel-Medikament

Kamerunische Schafe

Aromatest

Wir kosten Guaven, Zitronen, Orangen, süßen Palmwein von Dangers Onkel, sehen wie Yam und Kaffee angebaut wird und bei zwei kleinen Farms schauen wir zu wie der Kaffee verarbeitet wird.

Eine Arabica Pflanze
Frisch geerntete Kaffeekirschen

Die Maschine ist noch aus deutscher Zeit

In Kamerun wird kein Kaffee geröstet und getrunken. Wenn überhaupt dann Instantkaffee, welcher aber auch andere Stoffe und Zucker enthält, der dann den Leuten gesundheitliche Probleme machen und die Ärzte dann vom Verzehr abraten ;). Die Kaffeebauern verkaufen die getrockneten Bohnen dann auf dem Markt in Kumbo.

Trocknende Kaffeebohnen

Wieder ist es erstaunlich wie sehr sich die Bauern freuen uns zu sehen, uns herein bitten und ihre Früchte zum kosten anbieten. Ein Hof ganz nahe an unserem Ziel hat ziemlich viele Schweine und sie sind gut bekannt mit Danger. Wir trinken das Wasser aus dem Hahn dort, und Eli ist sich nicht sicher ob das ein Fehler ist. Aber wir beide haben nur 1,5 Liter dabei und wir sind schon fast leer und haben noch den Rückweg vor uns. Wir bleiben etwa eine halbe Stunde bei ihnen und erzählen - u.a. einer Sister von Saint Francis, die einen Aussiedlerhof vor Shisong betreiben und Milch produzieren (!). Die Sister bittet uns auf jeden Fall bei ihren Eltern reinzuschauen wenn wir weiter gehen.

Ein Weihnachtsstern grüßt am Wegesrand

Eine Guave frisch vom Baum

Die Blätter der Yam-Pflanze als Regenschutz

Der Aussiedlerhof mit viel Schwein

Keine 10 Minuten weiter stehen wir im Hof eines sympathischen alten Ehepaars,. Der Mann steht als Compound Head seinem Clan bzw. seiner großen Familie vor und ist außerdem für die umliegenden Ländereien verantwortlich. Sie reichen uns frische Organen und ein Buch, in das wir uns als Gäste Einschreiben sollen. Sie bedanken sich mehrfach dafür, dass wir ihre Gäste waren und ihre Orangen angenommen haben.

Orangen sind hier gelb

Aber sehr aromatisch

Wir kommen gegen 13 Uhr am Wasserfall an, den zu beschreiben meine Ausdrucksfähigkeit leider überschreitet. Wer wie ich früher gerne Tim und Struppi gelesen oder Indiana Jones Filme geschaut hat, der kann diese traumhaft schöne Atmosphäre eines 20 Meter hohen Wasserfalls in einem Regenwald erahnen. Hinter dem Wasserfall ist eine große Höhle, die auch sehr großen Fledermäusen (oder Flughunden?) ein Zuhause ist. Schaut euch einfach mal die Fotos an, die ich gemacht habe.





Nach einer knappen Stunde kommen wir dann in ein kleines Dorf in dem gerade ein Dorffest im Gange ist. Dort gibt es eine Taxistation und wir fahren mit einem Geländepickup ca. 15 Minuten auf einen Berg und werden von einer absolut überwältigenden Aussicht auf Täler, Felsen und Berge überrascht. Die Formen erinnerten mit an Rotchina. Eli sagt es sieht hier aus wie im Auenland und das trifft es sehr gut.



Hier oben ist Grasland und Pferde grasen freilaufend auf den Hängen. Palmen, Eukalyptus und riesige Stechpalmen von 4 Meter Höhe wachsen hier. Hier könnte ich den ganzen Tag einfach nur sitzen und gucken. Aber wir müssen uns auf den Heimweg machen.





Die Rucksäcke kommen auf die Rückbank und wir stellen uns alle auf die Ladefläche des klapprigen hochgebockten Pickups, der sich über die total zerfurchten Sandpisten arbeitet. Wir haben einen riesigen Spaß und die Leute am Straßenrand lachen, schütteln den Kopf und winken uns. Wir erwachsenen geben Danger für Greencare und seine hochinteressante Einführung heute 10000 Francs und nach einigen Missverständnissen und Verhandlungen fahren wir über Shisong nach Squares, wo Bens Familie Pizza essen geht und wir noch die Rucksäcke auf dem Markt mit Lebensmitteln voll machen und dann in unserer Lieblingsstraßenküche etwas zu Abend essen.


Wir treffen zufällig dort Ludowig, ein Freund von Berry und den beiden, und Flora und Didimos und sprechen über eine Anfrage des Kirchenvorstand von Melim an uns. Nachdem wir dort im Gottesdienst waren und dann auf der Feier der beiden mit Leuten gesprochen haben wollten sie gerne mal bei uns in SAC vorbeischauen. Die Mädels hat das einigermaßen überrascht und ein unangenehmes Gefühl hinterlassen. Irgendwie scheint es als wollten sie über uns einen Kontakt zu einer Limburger Pfarrei o.ä. aufnehmen oder ein Fundraising für ihre Kirche starten. Das ist aber nicht die Idee des Freiwilligendienstes und Flora versteht das auch. Ich nehme die Idee mit nach Hause vielleicht einen Kontakt eines Chores o.ä. zu deren Chor und Musikgruppe aufzubauen oder zu unterstützen.

Die Eltern von Ben sind total nett und der Kontakt zu ihnen hat Spaß gemacht. Bettina ist in Berlin Leiterin der Landesvertretung von McPom für Manuela Schwesig und Terry ist ein Journalist für eine amerikanischen Sender oder so. Sie werden dasselbe Flugzeug nach Hause nehmen wie ich, daher werden wir uns wenigstens dann Wiedersehen.

Ein Tag voller Ehrfurcht vor der Natur Kameruns und dem tradierten Wissen der Menschen hier geht zu Ende. Die Wiege der Menschheit. Hier geht man nicht gerade zimperlich mit der Natur um, aber mit Organisationen wie Greencare gibt es Leute, die idealistisch und pädagogisch in die Bevölkerung einwirken. Ich freue mich auf die Dusche und meinen Schlafsack, um dem Kopfkino mit den Bildern heute noch eine Chance zu geben.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

27.12.2017 Heimatgefühle

In dieser Nacht hatte ich wieder beängstigende Träume mit mittelalterlichen Szenen von Krankheiten, Not und Verderben wie in David Kehlmanns Buch„Vermessung der Welt“, in dem Gauß an seinen körperlichen Gebrechen (Zahnschmerzen, Infektionen oder Entzündung) leidet in der festen Überzeugung, dass es in einigen 100 Jahren kein Problem mehr sein wird, das zu verhindern oder zu heilen. Wie recht er hatte. Und doch offensichtlich bis heute nicht für alle. Dieses Buch ist wirklich eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Der Film dazu kann ihm nicht annähernd das Wasser reichen, aber wer das Buch nicht lesen möchte: er ist besser als nichts.

Wenn ich aber nach dem Aufstehen durch diesen klaren und duftigen Sommermorgen laufe, diese exotischen Vögel singen und die Sonne hinter den riesigen Bäumen des Nachbarhügels aufgeht, dann ist das alles wie weggeblasen. Ein bisschen ist diese betörend schöne Natur hier wie eine Droge, die einen alles vergessen lässt und man kann sich fast nicht mehr daran erinnern, das da irgendwas war.

Betörender Sonnenaufgang am Nachbarhügel

Ich schreibe bei den Mädels ein paar Gedanken auf und hoffe, dass wir die Probleme mit dem Internet irgendwie in den Griff bekommen um einen Blog einzurichten. Eli und ich frühstücken einen heißen Kakao und Bananen und machen uns auf den Weg zum Social Wellfare Office zu Madam Eucharia um die von ihr gewünschten Dinge abzugeben, die ich für sie mitgebracht habe. Dabei kommen wir ins Gespräch über Computerprobleme und auch sie hat ein Laptop, was eine defekte Tastatur hat. Ich schließe ein nochmals USB Computerkeyboard an und es funktioniert. Eucharia ist total begeistert, weil sie das Laptop schon für Wochen in Reparatur hatte und es nicht gelungen war es zu reparieren. Darauf hin verabreden wir uns für den 29. 7:30 um weitere Probleme anzuschauen, bevor wir zu Bischof George gehen. Für ganz normale Fragen und Problemen im Bereich PC gibt es hier niemanden, den sie ansprechen können. Schau mer mal wie das weitergeht, mir macht es Spaß hier ein bisschen auszuhelfen. Ich leihe mir die Tastatur bis dahin aus um Erasmus Laptopproblem damit zu prüfen, was auch gelungen ist.

Ganz normale Fraktale

Danach sind wir gleich zu Christina zurück gegangen, denn die beiden haben sich vorgenommen, für und mit Maries und Buris Wäsche zu waschen, denn sie riechen schon ziemlich und Erasmus kümmert sich darum definitiv nicht. Ich backe derweil einen Kuchen für das geplante Picknick mit den anderen Freiwilligen hier bei uns vor dem Pastoral Center.

Marie wäscht wie eine alte

Das mit der Wäsche artet etwas aus, weil quasi die komplette Garderobe der beiden durch die Eimer geht und auch der Wäscheständer der Nachbarn schließlich voll hängt. Weil Eli und ich noch nichts richtiges gefrühstückt haben koche ich noch Reis mit Tomatenomletts, die auf dem Tisch stehen, als Ben mit seinen Eltern Bettina und Terry, Till mit seiner Schwester Stella, Therese und Paul sowie zwei weitere Mädels mit Namen Petra und Letitia aus Kumbo bei uns in der Bude sitzen.

Liebe Gäste fürs Picknick

Wir gehen dann auf die Wiese vor dem Pastoral Center, spielen Frisbee und Gitarre, essen Kuchen, Guacamole, Melonen und wehren uns gegen Ameisen und Scharen von Grashüpfern. Das war wirklich sehr entspannend.

Lecker Guacamole mit Brot

Therese lernt Gitarre

Gegen halb fünf hatte sich die Gruppe aufgelöst und wir laufen mit Therese nach Squares zu Edwin in die Pizzeria. Dort treffen wir uns mit weiteren Freiwilligen mit Namen Chantal, Eileen, Luise mit Freund André (der heute Geburtstag hat). Wir bestellen unsere Sachen an der Theke und warten wie normal etwa zwei Stunden auf die Pizza. Sie sind aber sehr lecker und die Zeit mit spannenden Geschichten und Erzählungen zu füllen ist kein Problem. Es werden überaus sinnvolle Tipps und Erfahrungen miteinander geteilt, die auch für die beiden sehr relevant sind, wenn es zum Beispiel um die Verlängerung der Visa geht.

Pizza bei Edwin

Hier gibt es mehr wie Pizza

Erst um 9 Uhr fahren wir mit einem Bike durch die Dunkelheit von Junction nach SAC für einen Nachtpreis von 1500 Francs und ziehen uns in unsere Hütte zurück.

Squares und Kathedrale bei Nacht

Dieser Tag ist geprägt vom Austausch mit anderen Deutschen, die teilweise ganz andere Dienste tun aber die doch hier in Kumbo eine Familie bilden, einen Link, Bezugspunkt und Anker in die eigene Kultur bieten. Es war wirklich nett heute.

Dienstag, 26. Dezember 2017

26.12.2017 Kleine und große Sorgen

Wenn ich morgens um 6 Uhr wach bin, und dazu noch in Kamerun, dann stehe ich auf und gehe raus „in die Wildnis“ (würde Jostein Gaarder sagen) um Energie zu tanken und mir den Sonnenaufgang anzusehen. Also habe ich meinen Foto geschnappt und die Morgenstunde genutzt.

Sonnenaufgang am Pastoral Center

Der ganz normale Wald

Dann habe ich auf dem Weg zu den Mädels Erasmus getroffen der mir (nicht frohe Weihnachten gewünscht aber) noch einmal gesagt hat, wie wichtig es für ihn ist, wenn ich ihm ein funktionierendes Notebook besorgen könnte. Seine Frau Edith ist ja gerade im Krankenhaus um ihr Kind zur Welt zu bringen. Als ich wenig später in der Hütte sitze klopfen seine Kinder Marie und Buri an der Tür. Die beiden Geschwister sind ja sehr oft hier, Eli und Christina kümmern sich um sie und setzen klare Regeln. Ich habe dann die Tür aufgemacht und ihnen gesagt, dass die Mädels noch schlafen (wollen) und wir dann erst frühstücken und sie dann gerne kommen können, wenn wir die Tür aufmachen. Aber... was trinken, dürfen wir ein Plätzchen haben? Buri muss Pi und kriegt die Hose nicht auf, Marie putz unsere Veranda und Buri macht Kohle drauf, ein Raubvogel hat ein kleines Huhn gerissen und Mama-Pfau konnte es nicht verhindern. Im Pidgen Englisch heißen Hühner Pfau und die laufen hier wie die Ziegen überall frei rum, da hatte der Vogel wohl Hunger. Aber die Kinder vermissen ihre Mama wirklich. Ich habe dann also den „Fehler“ gemacht, ihre ständigen Klopfzeichen geschmückt mit Weinanfällen zu „bearbeiten“, damit die Mädels noch halbwegs schlafen können. So sind sie aber über zwei Stunden vor der Tür und klettern auf den maroden Holzwäscheständern rum, von denen sie wissen, dass sie das nicht aushalten werden. Seufz.

Die Kinder haben wirklich nicht viel zu lachen. Sie werden hier oben oft sich selbst oder den Nachbarn überlassen, und das nicht aus Faulheit sondern weil es nicht anders geht. Einschub aus den Sicherheitshinweisen: „Bitte legen zunächst Sie sich die Atemmaske an und helfen erst dann ihrem Kind“. Ohne Eltern ist alles nichts. Die werden short on information gehalten, ich glaube nicht dass Marie weiß was ihre Mutter im Krankenhaus macht, dass da ein Geschwister im Bauch ist und wann/ob sie wiederkommen wird. Auch die Jugendlichen wissen nicht, wie die Kinder in den Bauch kommen, wenn sie nicht in der Schule den Aufklärungsunterricht besuchen können. Das erklärt die vielen extrem jungen Mütter, da die Jugendlichen wegen der nicht stattfindenden Schule sehr viel Zeit miteinander bringen, die frustrierende Realität wegdrücken und ohne an morgen zu denken den Moment feiern.

Marie, Buri und Norbert zu Besuch

Die Kleidung von Marie und Buri ist eine echte Katastrophe, viel zu klein, keine Unterwäsche, obwohl die den ganzen Tag auf dem Boden spielen, wo die Tiere hinmachen und sie selbst auch. Es gehört hier dazu, dass die Kinder geschlagen werden, und das nicht nur von ihren Eltern. Die Großen müssen sich um die Kleinen kümmern, viel im Haushalt helfen und teilweise schwer arbeiten. Dann haben wir Jugendliche hier sitzen, die keine Ahnung haben was sie wirklich wollen, was sie können, welche eigenen Visionen und Ziele sie im leben haben. Die Eltern können es sich nicht leisten ihre Kinder studieren zu schicken - und das nicht nur finanziell sondern auch weil sie dann zu Hause als Arbeitskraft ausfallen. Und wenn sie doch studiert haben, dann finden sie keine Arbeit hier. Eli erzählt, dass viele Bikefahrer studiert haben. Obwohl es an allen enden fehlt ist es nach meinen Nachfragen fast unmöglich ein eigenes Business zu gründen. Denn die Mikrokredite werden von den Steuern aufgefressen und auch die Kunden haben kein Geld um eine Rechnung zu bezahlen.

Was ist hier ein Kinderleben wert? Die Mädels erzählen, dass die ärztliche Versorgung für Kinder unter 20 kostenfrei ist. Aber viele Leute wissen oder glauben das hier nicht. Und wenn doch dann haben sie kein Geld und keine Zeit den Weg zum nächsten Krankenhaus zu bewältigen. Vor Weihnachten gehen hier deutlich weniger Menschen zum Arzt, weil sie das Geld für ein paar kleine Geschenke und die Gäste brauchen. Deswegen hat Christina wir Weihnachten ihre Zeit im Krankenhaus von Shisong vorzeitig beendet, weil einfach überhaupt nicht für sie dort zu tun war. Eine Krankenversicherung gibt es hier nicht.

Es ist wirklich tragisch für eine Familie wenn hier ein Kind stirbt. Aber es passiert wohl relativ häufig und das oft nicht aufgrund tragischer Erkrankungen. Was ist bei uns ein Kinderleben wert? Ich denke wieder an die Film „Verborgene Schönheit“, wo in Mensch völlig daran zerbricht sein Kind verloren zu haben. Daran, dass ich gerade meine Tochter hier besuche, dass wir unseren Kindern Musikunterricht ermöglichen können und sie im Urlaub Snowboard fahren können.

Wir brechen gegen halb zwei auf nach Squares um die Familie von Therese frohe Weihnachten zu wünschen. Da die beiden nicht wissen wo genau das Haus ist fragen wir in der Straße ein paar Leute, wo das Haus von Elisabeth und Thomas - den Eltern von Therese - ist. Das wissen sie nicht. Die Mädels waren schon mal zur Erstkommunion von Percy dort, also fragen wir nach ihm. „Ah ja, ich bringe euch gerade dort hin“.

In Sichtweite des Hauses kommt uns Percy entgegen gelaufen und umarmt auch mich ganz herzlich. Ich stelle mich als Eric vor und wir gehen zusammen zum Haus. Er zeigt mit sein aus Müll selbstgebasteltes Auto. Wow. Die Räder sind aus alten Flipflops geschnitten und haben ein krasses Profil. Die Karosserie ist eine Fischdose und es hat eine echt geniale Lenkvorrichtung, die er von oben bedienen kann. Er saust damit im Laufschritt über die Lehmwege. Ich bin total begeistert von seinem Talent.

Lenkbares Auto von Percy aus Müll

Therese empfängt uns und wir gehen ins Haus. Sie hatte gerade Wäsche gewaschen. Wir sitzen zusammen und essen ein paar von ihren selbst gemachten Chinchin-Plätzchen - die mit dem richtigen Geräusch beim Essen ;)

Thereses Chinchin

Als ihre Mutter Elisabeth kommt holt sie uns drei Teller und wir sitzen in der guten Stube. Vor dem Essen stehen wir auf und stellen uns in einen Kreis. Mama Elisabeth spricht ein Tischgebet auf Englisch und dankt für ihre Familie und die Mahlgemeinschaft die uns mit Jesus verbindet. Dann kommt Therese mit einer Schüsse und einer Kanne Wasser und wäscht uns die Hände, denn wir essen wie sich das hier gehört mit den Fingern. Es gibt natürlich das Standardgericht: gelbes Fufu (aus Mais hergestellte Knödel) mit pumkin leaves (ähnlich wie Spinat zubereitete Kürbisblätter). Das schmeckt wirklich sehr gut! Und nach einer Portion bin ich total satt - im Gegensatz zu Mama Elisabeth, die gleich noch eine gegessen hat. Beeindruckend wie sehr Glaube im Leben in dieser Familie Gestalt annimmt. Mama Elisabeth ist eine charismatische Frau, die sich auch für andere und in der Gemeinde engagiert.

In der Sonne trocknendes Rindfleisch

Therese hat noch vier Geschwister, ihr Mann ist ja Lehrer in Vollzeitanstellung in der katholischen Schule einen Steinwurf entfernt von der Hütte der Mädels - dem SAC. Er verdient 56000 Franc im Monat - ihr könnt euch gerne mal ausrechnen wieviel das in Euro ist - aber es ist auch in Kamerun viel zu wenig um auch nur das nötigste zu bezahlen. Eli und Christina bekommen jeweils mit ihrem Taschengeld hier ein Vielfaches davon. Also verdient sich auch diese Familie was dazu wo immer es geht. Mama Elisabeth taucht irgendwann mit einem großen Sack voller Schuhe auf, die sie anderen Gästen zum Kauf anbietet. Vielleicht passt ja was. Gemeinsam mit Therese schauen wir uns noch einen Stapel alter und neuer Fotos an und erzählen über Hochzeiten und die Womensgroup ihrer Mutter, bevor wir uns um viertel vor Sonnenuntergang wieder zu Fuß auf den Heimweg machen.

Staubroter Sonnenuntergang über Kumbo

Wir sind hier in dieser Familie als Freunde empfangen worden, nicht als Weiße, und haben wie Freunde miteinander erzählt. Eli erzählt mir dass Therese eine wirkliche Freundin geworden ist. Und ich finde sie ist sehr intelligent und wissbegierig, authentisch (auch uns gegenüber). Aber was würde sie erwarten, erleben, wenn sie für eine Zeit nach Deutschland käme? Wie schwer muss es für kamerunische Freiwillige sein, ihre Familie zu vermissen, in einer Welt ohne ihre Sozialkontakte mit Waschmaschine, U-Bahn und Rolltreppen anzukommen? Vor allem bei der Vorbereitung, die sie hier bekommen - die Menschen hier haben eigentlich nur eine Betriebserlaubnis für Kumbo mitbekommen und keine Ahnung wie es in Deutschland ist. Filme transportieren eine Weltsicht, die sie nicht glauben können. Ähnlich wie ich das damals mit unseren Freunden aus dem Osten Deutschlands erlebt habe: Obwohl sie es im Fernsehen gesehen haben, war es ein riesiger Schock es wirklich zu erleben. Und wie schwer muss es erst sein, nach einem Jahr Deutschland wieder hierher zurück zu kehren in diese trostlosen Umstände ohne Perspektive.

Mit Christina und Eli haben wir uns schon unterwegs und dann noch den ganzen Abend die Köpfe heiß diskutiert über die Art ihres Dienstes, über die Verhältnisse in Deutschland, über die Möglichkeiten und den Auftrag, hier etwas zu lernen, erfahren, zu bewirken. Die beiden sind sehr tief eingedrungen in das System, weil sie viele wirklich intensive persönliche Beziehungen zu Familien und Menschen haben, deren Möglichkeiten und Nöte hautnah erleben. Und den krassen Kontrast zu ihren eigenen Möglichkeiten als Deutsche. Wir sind hier deutlich herausgehoben, wir fallen auf, die Leute hören genau zu was wir sagen, messen dem Bedeutung zu. Das ist eine Realität, es hat keinen Sinn das abzutun als postkoloniale Verwirrung. Was machen wir konkret aus dieser Position? Und das meine ich überhaupt nicht finanziell. Wenn, wie heute, 10 total glückliche Kinder auf uns zu rennen, „Whiteman“ und „Happy Christmas“ rufen und uns abklatschen, dann möchte ich mich zu ihnen auf den Boden setzen und ihnen erklären, dass ich auch nur ein ganz normaler Typ wie sie bin, dass ich als Kind nur Mist im Kopf hatte, dass ich schlechte Noten geschrieben habe und dass sie sich ihre Träume bewahren sollen. Aber darf ich das? Was bringe ich da bei ihnen durcheinander, in Bewegung? Ist das hilfreich?

Es ist so schwer aus diesen so wunderbaren Erlebnissen und den so schwierigen, fast dramatischen Verhältnissen eine Vision für dieses Land zu entwickeln. Wir sind voller guter Wünsche für diese lieben Menschen. Dieser Tag hat mich wieder ein bisschen zu einem anderen Mensch gemacht. Ich hoffe dass ich das so schnell nicht vergesse, was ich heute geschenkt bekommen habe.

Montag, 25. Dezember 2017

25.12.2017 Eigentlich Weihnachten

Denn hier beginnt Weihnachten erst am 25. und erreicht seinen Höhepunkt am Abend. Man läuft rum und besucht Leute. Wir sind also um 6 Uhr zu Fuß zum Gottesdienst aufgebrochen, der von Bishop George geleitet wurde. Die Kathedrale war wirklich richtig voll. Wir kamen wieder ein Viertelstündchen zu spät, aber der Bußakt war noch voll im Gang. Die Musik war mitreißend, aber ich war Mega gestört von einem Kinderspielzeug, was die ganze Zeit hinter uns irgendwelche Weihnachtslieder rumgepiepst hat. Ich konnte mich kein bisschen konzentrieren. Die anderen haben das offensichtlich besser verdrängen können. Außerdem finde ich es echt anstrengend die ganze Zeit die ständig blinkenden Lämpchen anzuschauen.

Nach dem Gottesdienst haben wir noch Therese draußen getroffen frohe Weihnachten gewünscht und sind nochmal zu Krippe gegangen.

Die Krippe der Basilika

Auch hier: whiteman, whiteman. Die Kinder kommen teilweise zu uns, stellen sich vor uns und sagen das zu uns. Alle Heiligenfiguren und natürlich Jesus werden hier als weiße dargestellt. Da fand ich die Basilika in Yaoundé echt wegweisend.

Wir sind nach Hause gelaufen, ich habe nach dem katholischen Marathon von 8 Stunden Gottesdienste in 24 Stunden dann erst mal schön (kalt) geduscht und frische Sachen angezogen um den erst des Tages zu chillen. Als ich zu den Mädels komme machen wir Frühstück und nach dem spülen sitzen schon fünf Kinder im Zimmer und essen Plätzchen. Das geht dann so weiter, bei 15 Kindern sind wir dann gleich draußen geblieben und sie haben in 30 Sekunden den kompletten Teller aufgegessen. Überraschend kamen dann noch weitere Leute die auf dem Hügel wohnen, die die beiden noch nicht kennengelernt hatten. Ein bisschen wie Bäumchen loben ;)

We wish you a merry christmas

und weiter geht's zum nächsten Haus

Ein Jugendlicher aus der Nachbarschaft mit dem Namen Norbert war dabei und wir haben tatsächlich über zwei Stunden diskutiert und uns unsere Welt erklärt. Er hat die Schwerpunktfächer Literatur, Geschichte und Economics. Es ging los was eigentlich Schnee ist und wie Schule in Deutschland funktioniert, weiter über die Dinge, die Deutschland wirklich von Kamerun lernen kann über berufliche Visionen und Möglichkeiten zu den persönlichen Leidenschaften und Talenten. Die anderen 5 Jungs die immer mal wieder kamen und dabei gesessen haben wollten oder konnten nicht mitreden, ich habe ab und zu versucht sie mit in das Gespräch zu holen. Schüler in Kamerun werden in der Schule und zu Hause gezüchtigt, ihnen wird weh getan. In Deutschland lernen die Kids sehr schnell, dass schlechte Noten nur ihnen selbst schaden, und das motiviert im besten Fall ein eigenes Ziel zu formulieren und zu verfolgen. Was ich wirklich bemerkenswert finde ist, dass er auf die Frage, was er denn machen oder werden möchte, wenn ihm alle Möglichkeiten offen stünden, keine Antwort wusste. Er denkt nur in den Grenzen, die ihm selbst möglich erscheinen oder von anderen gesetzt sind.

Wir genießen noch die Abendstunden gemeinsam mit etwas Ruhe, sitzen draußen und hören beim Sonnenuntergang dem Muezin zu und ich denke noch an die Namen, die die Menschen hier tragen. Eine kleine Auswahl gefällig? Edith, Norbert, Henrietta, Erasmus, Philip, Christa, Paul, Elisabeth, Antonia, Kornelius, Therese.

Sonntag, 24. Dezember 2017

24.12.2017 Weihnachten mal anders

Wir waren heute morgen um 7 Uhr in Melim, einem Nachbarort von Kumbo, zu einer Thanksgiving Messe von Flora und ihrem Mann Didimos eingeladen. Wir wurden morgens mit einer Viertelstunde Verspätung von Didimos Bruder mit einem Taxi mitgenommen. So kamen wir kurz nach 7 erst dort an, haben aber noch einen schönen Platz in der vorletzten Reihe bekommen. Hier sind die Messen so früh weil die Leute vorher nichts essen - wie früher bei uns. Der sehr einfache Gottesdienstraum war voller Kinder, Erwachsener und Alter Menschen (nach Häufigkeit ;). Er wurde in einer Mischung aus Lamnso, Pidgin und Englisch zelebriert. Die Musikgruppe an Xylophonen, Trommeln und ändern Rhythmusinstrumenten war wirklich sensationell gut!

Besonders bemerkenswert finde ich die Gabenprozession (Offertry), also der Teil wenn bei uns die Messdiener mit den Klingelbeuteln rumgehen. Das läuft hier krass anders: insgesamt kann das hier auch mal eine Stunde dauern. Es wird für verschiedene Gruppen oder Zwecke gesammelt, wobei aus jeder Gruppe ein Mitglied vor dem Altar mit einem Körbchen oder Eimer steht. Die Leute gehen - nein, sie Tanzen zu der Musik oder den Liedern nach vorne und bringen ihre Gabe. Dabei werden mehrere Lieder gesungen. Manchmal wird auch einfach nacheinander gesammelt, so dass die Leute mehrfach nach vorne tanzen. Bei uns war es so, dass die Familie von Flora sich zuerst draußen zu einer Gabenprozession aufgestellt hat und dann sind alle in einer langen Reihe nach vorne getanzt. Es ist ein superschönes Element, alle sind richtig gut drauf und auch die ganz alten Leute lassen sich dabei mit lumpen.

Ich habe mich auch gefragt ob das nicht Druck aufbaut, so dass jeder sieht wer für was etwas gibt. Aber ich habe das Gefühl jeder gibt was er kann - und das scheint mir bei der wirklich schwierigen Situation der meisten Familien wirklich viel zu sein. Auch ist beeindruckend wie viele Gruppierungen es in einer Gemeinde gibt, die teilweise an gleichen Kopftüchern zu erkennen sind. Flora ist eine sehr engagierte Frau und wir sind mit der von ihr geleiteten Gruppenstunde (Kadetts of Jesus) nach vorne getanzt. Es ist - anders wie bei uns - ein echtes Fest, eine Feier.

Lange noch denke ich darüber nach wie sich Kirche hier und zu Hause über die Christen finanziert, wie die Art des gezielten und öffentlichen Gebens im Kontrast steht zu unserem "gerechten genommen bekommen" und wie sich die Leute hier und zu Hause mit ihrer Kirche verbunden fühlen...

Lustig war auch, das zu Beginn der Gabenprozession der Zelebrant Father Elvis erst mal mit dem Auto weggefahren ist und dann später wieder aufgetaucht ist. Die Mädels haben angemerkt, dass sie es Father Francline zutrauen, dass er während dieser Zeit irgendwo einen anderen Gottesdienst „startet“ und zwei am laufen hat ;)

Ein Gottesdienst in Kamerun dauert schon mindestens zwei Stunden, eher länger. Die Predigt ist lang aber kurzweilig, weil immer wieder gelacht und mit Zwischenrufen kommentiert wird. Bevor der Zelebrant das Tagesgebet erreicht hat die Gemeinde schon vier Lieder gegroovt, von dem jedes mindestens 5 Minuten braucht. Viele kommen auch einfach später, so dass es gefühlt zur Gebenprozession am vollsten ist. Also für die Mädels ist das hier alles schon ganz schön normal, ich kann mich nicht sattfühlen daran und bin ständig am grinsen was für eine gute Zeit die Generationen miteinander im Gottesdienst haben.

Danach waren wir bei der Familie zum Essen eingeladen und haben zur Feier des Tages ein Huhn geschlachtet, auf der Feuerküche gebraten und dann gegessen.



Sie hatten ein tolles Buffet aus kamerunischen Speisen in ihrem neuen Haus vorbereitet.


Ich habe das erste mal Palmwein getrunken, der ziemlich sauer aber je nach Reifegrad auch mal mehr Alkohol hat. Die Gerichte sind für meinen Geschmack nicht so lecker, aber die angeknabberten Spezialitäten wurden liebend gerne von den Kindern weitergefuttert.

Wir viele schöne Gespräche geführt. Ein etwas älterer Mann, der auch Berater des Nso Fon zu sein scheint, hat uns sehr herzlich begrüßt und Lobeshymnen auf das deutsche Volk und seine Verdienste in Kamerun angestimmt. Wir drei haben mit ihm unsere Sichtweise der Dinge geteilt aber ich habe nicht das Gefühlt, dass sich an seiner Meinung bzgl. der Kolonialzeit etwas geändert hat. Wir haben über die Analogien zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung gesprochen, über staatliche (Über)Regulierung und Verlässlichkeit. Das dritte Reich und das daraus folgende Trauma hat Deutschlands Außenpolitik bis heute im positiven Sinne geprägt, Entwicklungsberatung aus Deutschland hat höchstes Ansehen hier.

Wieder zuhause angekommen bereiten wir unser Weihnachtsessen vor: Selbstgebackenes Dinkelbrot mit Kürbiskernen, zwei Ofenkäse und ein Salat mit verschiedenen Gemüsen, vor allem extrem leckere Avocados.



Zum Nachtisch gibt es Obstspieße aus den hier wachsenden Ananas, Orangen (gelbe Schale!) veredelt mit einer geschmolzen Milkaschokolade. Nach dem Essen haben wir uns die Weihnachtsgeschichte vorgelesen und ein paar Lieder gesungen. Beim Nachtisch habe ich mir mein Hemd mit Schokolade verziert, gleich gewaschen und aufgehängt - das trocknet hier in der Trockenzeit halt echt schnell.


Um sieben Uhr geht es dann in die Mette in die neue Kirche nach Bam Ki-Kai. Fenster sind noch keine drin, die Bänke stehen auf Beton und Erde und 10 Energiesparlampen erhellen den Raum. Die Musik wird von einem Keyboard unterstützt und manchmal habe ich den Eindruck sie arbeiten gegeneinander. Einmal ist mitten beim Singen der Strom ausgefallen und man sah nur noch die zwei Kerzen auf dem Altar. Sie haben einfach weiter gesungen und es war viel schöner als vorher.

Die Predigt war in Pidgin und hatte ein interessantes Thema zur politischen Lage hier: Auch damals gab es Unterdrückung durch die Römer, die Menschen mussten sich in Listen eintragen lassen. Es gab nicht mal ein Bett zum übernachten für eine hochschwangere Frau. Josef und Maria beschweren sich nicht, klagen nicht an und kämpfen sondern gestalten das Unvermeidbare. Die liebe Gottes und der Friede findet einen Weg in die Welt. Und der unscheinbare Stall gelangt zu Weltruhm, weil das der richtige Weg ist. Die Kirche im anglophonen Konflikt hier steht klar auf der Seite der Unterdrückten aber ausschließlich unter der Bedingung der Gewaltlosigkeit.

Der zweite Gottesdienst für heute war tatsächlich nach zwei Stunden um. Nach dem der Segen verklungen war sind wir noch einmal zur Krippe vor gegangen. Alle Figuren sind von weißer Hautfarbe, ein König ist schwarz. Das Singen hatte noch nicht aufgehört und immer mehr singende und tanzende Leute kommen zur Krippe und feiern, rufen, umarmen sich und andere. Es war wirklich beeindruckend wie ausgelassen und fröhlich Weihnachten sein kann.


Wir sind schließlich und halb zehn wieder zuhause, packten noch die kleinen Geschenke auf und aßen ein paar Plätzchen, die vor allem Christina in extrem aufwändiger liebevoller Handarbeit der bescheidenen Küche abgetrotzt hat. Da es morgen um 6 Uhr zum großen Weihnachtsgottesdienst in die Kathedrale geht liege ich schon um 23 Uhr im Schlafsack.

Samstag, 23. Dezember 2017

23.12.2017 Red Christmas

Der Wecker um 7 Uhr hat mich nicht geweckt, aber ich bin noch mit Genuss liegen geblieben und habe den Vögeln zugehört.

Der Blick aus meiner Zimmertüre

Mein Zimmer im Pastoral Center fünf Minuten Fußweg von den beiden ist einfach aber okay. Die Toilette hat keine Brille, aber die Spülung funktioniert. Die Dusch ist kalt, aber der Duschkopf in Ordnung, so dass ich abends vor dem schlafen immer noch duschen kann. Ich halte immer den Eimer gefüllt, damit ich mich noch waschen kann wenn das Wasser ausfällt.

Mein Zimmer im Pastoral Center

Der rote Staub in Kumbo bzw. der Trockenzeit ist allgegenwärtig. Wenn man in der Stadt unterwegs ist oder mit dem bike fährt durchdringt man undurchsichtige Schwaden aus rotem Staub, der auf der Straße so glatt ist wie Seife. Die Konsistenz erinnert mich eher an Kalk frisch aus dem Sack. Der Staub dringt überall ein, von den Fußzehen bis in die Haare. Ich kann mich echt nicht vorstellen so in den Schlafsack zu krabbeln.

Heute morgen wurde mit den Kindern die Türchen 22 und 23 aufgemacht und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Vorher hatte ich mit Marie schon eine halbe Stunde Fotos auf dem iPad angesehen - und ich muss sagen dass sie sehr schnell raus hatte, wie man Fotos auswählt, blättert und so. Ich denke nicht dass sie das jemals schon gesehen hat.


Wir sind am morgen zu Ivolyn nach Shisong gefahren und haben ihr Geschenke für Ihre Sarah gebracht. Sie hat sich soooo gefreut. Und danach waren wir in der Bude der greencare Freiwilligen, also bei Till, der auch gerade seine Schwester Stella da hat. Sie organisieren sich eine gute Zeit in Kamerun rund um die Weihnachtstage. Eigentlich wollten sie zu Lagerfeuer an unserer Hütte aufkreuzen, aber wir müssen einfach ein bisschen sauber machen und Kuchen backen für den 24.

Aber heute gab es tatsächlich etwas sehr besonderes: Regen! Als die ersten Tropfen fallen sind wir gerade zu Fuß unterwegs zurück nach Squares um noch ein paar Sachen einzukaufen.

Die einzigen Regentropfen während meines Aufenthalts: Squares

Die Leute auf dem Markt haben plötzlich ziemlich eifrig alles abgedeckt und Schirme aufgespannt. Christina hat die wifi SIM Karte der beiden für die Weihnachtstage frisch aufgepumpt und dann haben wir uns beim Regen unter einem Schirm der Straßenküche eingefunden, die wir vorgestern schon beehrt hatten. Also das sind wirklich so die schönsten Momente für mich: leckere Sachen essen, dabei dem Treiben auf dem afrikanischen Markt zuschauen, mit den beiden erzählen und philosophieren.

Unsere Lieblingsküche in Squares: Omlette

Mit Ananas, einem Sixpack Wasserflaschen, zwei wunderbaren Avocados und Organen fahren wir mit zwei Bikes bis an die Schule. Eli erzählt mir dass es echt komfortabel ist mit mir zusammen mit den Bikefahrern zu verhandeln. Normalerweise bekommt sie dabei nämlich mindestens vier Heiratsanträge.

Wie läuft das mit den Bikes? Es gibt einige Bikestationen in der Stadt, also Plätze auf denen haufenweise Bikes und Taxis stehen. Von einer zur anderen gibt es so etwas wie normale Preise, die pro Person gelten. Wenn man also eigentlich 200 Francs zahlt kann man zu zweit auch mal 300 Francs raushandeln. Bei Weißen werden oft überhöhte Preise genannt, da muss man dann die Realität einfordern oder zum nächsten Bike gehen. Klar: wir zahlen immer noch mehr wie die Einheimischen - aber in Maßen. Die Fahrer und die Leute reden über die Preise, daher kann man hier echt von einer freien Marktwirtschaft sprechen.

Die Bike Station in Squares

Wenn man irgendwo außerhalb der Bikestations ein Bike braucht ist das auch kein Problem. Fährt man über mehrere Stationen summiert sich das halt. Die beiden denken nicht dass die Bikes über eine Mafia gesteuert werden. Die Fahrer arbeiten für sich hart und auf eigene Rechnung. Ich verstehe gar nicht wie die damit klar kommen, da die Preise für Benzin und die Bikes selbst nicht so günstig sind. Es gibt gefühlt tausende Bikes in Kumbo.

Als wir zu unserer Hütte gelaufen sind haben wir noch eine Schwester getroffen, die uns dann ganz stolz ihre Weihnachtsvorbereitungen in der Wohnung gezeigt haben. Sie wohnen einen Steinwurf weit von unserem Haus und doch haben die beiden nur selten mit Ihnen zu tun. Sie haben in einem Innenhof einen gemauerten Backofen, in dem sie eine kleine Krippe gestaltet haben. Sie haben keine Ahnung wie man diesen Backofen verwendet und ich habe Ihnen angeboten das zwischen den Jahren mal mit ihnen auszuprobieren. Schau Mer mal ob es dazu kommt.

Zu Hause geht es dann gleich los mit Plätzchen und Chinchin backen, Kuchen für morgen und Saubermachen.

Der Plätzchenbackofen

(Trocken)Hefeteig ohne Waage

Alle Möbel und Sachen aus der Hütte raus auf die Veranda und dann Wasser mit Waschmittel auf den Fußboden und mit einem Bündel oder Büschel Gras den Boden schrubben. Nach dem aufnehmen des Wassers hat mal eine wunderbar tiefrote Brühe. Dann noch einmal feucht alles durchwischen und man erkennt: es hat etwas gebracht. Auf dem Esstisch ist jetzt das Obst und die Geschenke neben dem Adventskranz, die Regale in der Sitzecke und in der Küche ist hübsch durchsortiert. Mir macht das richtig Freude, denn Weihnachten so weit auswärts braucht für mich schon eine besondere innere und äußere Vorbereitung. „Macht euch bereit“ auf morgen früh, denn um 7 Uhr morgens sind wir zu einem Gottesdienst in einer Nachbarstadt eingeladen. Wir überlegen noch ob wir neben dem versprochenen Kuchen noch die Gitarre und/oder Geige mitbringen sollen.